Amerikanische Panzer in Osterzell

Ein Essener erlebte das Kriegsende als Jugendlicher in der Ostallgäuer Gemeinde


Osterzell (fro).

Vor 60 Jahren marschierten die Amerikaner auch in Osterzell ein. Am 27. April rückten die Truppen in den Ort vor. Dabei wurden 13 Menschen getötet. Beim so genannten Feldschuster-Haus kam es zu einem drama­tischen Zwischenfall, als aus den Panzern Granaten auf flüchtende Wehrmachtssolda­ten geschossen wurden und eine Bäuerin ge­tötet und deren Tochter schwer verletzt wur­de, erinnert sich ein heute 76-Jähriger aus Essen. Er war als 15-Jähriger zusammen mit seiner schwangeren Mutter und seiner Schwester im November 1944 aus dem Ruhrgebiet nach Osterzell gekommen.

Die nationalsozialistischen Herrschafts­strukturen zerfielen mancherorts schneller, als die Alliierten vorrückten. „Als wir Mitte April unsere Einberufung zum Volkssturm er­hielten, folgte ihr keiner mehr. Die Autorität von Partei- und Wehrmachtsführern war so sehr erschüttert, dass ihre Anweisungen von vielen nur noch gezwungenermaßen oder gar nicht mehr befolgt wurden", schildert der 76-fährige seine Eindrücke.

Seine Familie war in Essen ausgebombt worden. Der Vater galt in Rumänien als ver-misst, während die zweite Schwester auf ei­nem Bauernhof bei Paderborn lebte. Mutter und Schwester kamen bei einer Bäuerin in Oberzell unter. Er selbst arbeitete als land­wirtschaftlicher Hilfsarbeiter bei einem Bau-ern auf einem Einzelhof bei Osterzell. „Den Winter über lernte ich das Leben auf dem Bau­ernhof mit seinen täglich anfallenden Arbeiten kennen und fügte mich in seinen Rhyth­mus ein". Er und der Bauer beobachteten sich zurückziehende Wehrmachtseinheiten und von Tieffliegern zerschossene Fahrzeuge. Der Bauer glaubte, „dass die Amerikaner an sei­nem Hof vorbei gleich zum Dorf vorrücken würden".

Zwei Granaten abgefeuert

Doch am Morgen des 27. April habe sich der Rückzug der Wehrmachtseinheiten zur Panik gesteigert: Tief­flieger jagten über das Land. Die Soldaten hätten alles stehen und liegen gelassen und ei­nige seien auf den Hof des Bauern zugerannt. Ein US-Sherman-Pan-zer bog um eine Wald­ecke. Die Amerikaner sahen die Deutschen in dem Haus verschwin­den und Schossen ih­nen zwei Granaten

nach. Eine habe die Scheune getroffen und den jungen Essener umgeworfen - eine zweite Granate die Mutter des Bauern getötet und fast die Hälfte der Kühe sowie den Stier im Stall zerfetzt. Die Frau des Bauern habe nur schwer verletzt überlebt. „Für den Bauern wa­ren die Stunden wohl die bittersten seines Le­bens." Später seien amerikanische Soldaten gekommen, hätten den Hof durchsucht und die deutschen Soldaten in Gefangenschaft genommen.


Danach hätten sie noch zwei fuß­kranke Soldaten auf zwei Pferden und den jungen Essener in das Dorf mitgenommen.

„Gegen Mittag standen die Panzer am Orts­eingang. Dort war es noch am Vormittag zu ei­nem erbitterten, aber unblutigen Streit zwi­schen einem hohen Offizier, der mit seiner Truppe Widerstand leisten wollte, und einem Sägemüller, der dies verhindern wollte, ge­kommen. Dass es später dort zu einem Blut­vergießen kam, ist fanatischen SS-Leuten zu verdanken, die den Kommandanten des ers­ten US-Panzers erschossen", so der Essener.

„Im Dorf feierten die Amerikaner im hell er­leuchteten Gasthaus ihren Sieg", erinnert er sich. Dann sei einer der amerikanischen Sol­daten gekommen und habe ihm mit den Wor­ten „Go hörne" den Strick für die beiden Pfer­de in die Hand gedrückt. „In Osterzell kehrte nach den dramatischen Ereignissen erstaun­lich rasch wieder Ruhe ein, wenigstens äußer­lich", erzählt er. Seiner Familie - die Mutter hatte zwischenzeitlich ein kleines Mädchen zur Welt gebracht - ging es gut, konnte er fest­stellen. Im August sei die Familie dann nach Essen zurückgekehrt. Mit der Bäuerin aus Oberzell, welche Mutter und Tochter aufge­nommen hatte, habe die Familie noch über Jahre Briefkontakt gehabt.

„Der Einmarsch der Amerikaner brachte uns das Ende der Schreckensherrschaft der Nazis. Blutig war der Preis, der dafür bezahlt wurde, zuerst von denen, die ihr Leben ließen, egal ob Deutsche oder Amerikaner, dann von den Hinterbliebenen, die ihren Verlust zu tra­gen hatten", resümiert der 76-Jährige heute.


Aus der chronik

13 Tote zu beklagen

Osterzell (fro). Seit Mitte April konnten die Osterzeller schon Geschützdonner im Westen hören. Als der Krieg am 27. April 1945 den Ort erreichte, kamen zwölf Deutsche und ein Amerikaner um. Mehrere Höfe wurden durch Tiefflieger oder Panzer zerstört, wobei auch viele Kühe starben. Tiefflieger nahmen seit dem Morgen militärische Ziele im Gemeinde­gebiet unter Beschuss. Gegen 11 Uhr brannte deshalb das Fleschutzsche Haus in Ödwang ab.

In Oberzell wurde der Hof von German Strohacker in Brand geschossen. Am Vormit­tag hatten zudem Zivilisten in Osterzell eine Verteidigung des Ortes zu verhindern ver­sucht. Trotzdem beschossen später SS-Solda­ten von der Alten Steige aus US-Soldaten und töteten den Kommandanten eines Panzers. Zunächst fuhren die Panzer weiter, doch bald kamen einige zurück und schössen in das Ge­höft von Bachmann. Das lag unterhalb der Al­ten Steige und die Panzerbesatzungen dach­ten wohl, dass von dort die Schüsse auf sie ab­gefeuert worden seien. Die Einwohner rette­ten sich, indem sie weiße Fahnen schwenk­ten. Doch ihr Hof brannte bis auf die Grund­mauern nieder. Fünf Kühe starben.

Etwa zehn Minuten bevor die SS auf den Panzerkommandanten feuerte, kam es zu dem Zwischenfall am Feldschuster, den der junge Essener miterlebte. Bei einem weiteren Zvvischenfall schössen junge deutsche Wehr­machtssoldaten auf US-Soldaten. Die erwi­derten das Feuer und elf Deutsche wurden in dem Gefecht-laut Dorfchronik - getötet. Da­rauf weist auch eine Gedenktafel am Kirch­turm hin.


 

 

 

 

was Übung hat. Ich hoffe, daß Sie nun wieder für eine Weile versorgt sind. Die Arbeitskräfte werden neuerdings sehr knapp, weil ich fünf Ukrainer, die ich im Herbst erhielt, wieder abgeben soll an die Bauern, wo selbe frü­her waren und drei Mann, darunter wahrscheinlich Züngerle, verliere ich an die Wehrmacht. Dies zur Kenntnis.

11.3.43

Mit deutschem Gruß! Unterschrift

Wie die Deportation ausländischer Arbeiter gehandhabt wurde, veranschau­licht das erhaltengebliebene Dokument »Sonderbefehl«*).

Im Archiv befindet sich auch ein nicht gerade vorbildlich geführtes Verzeich­nis mit etwa 80 Namen polnischer und russischer Arbeiter männlichen und weiblichen Geschlechtes. Die in Lagern untergebrachten Kriegsgefangenen sind darin nicht aufgeführt. Wie man sieht: In diesen Jahren wimmelte es in Osterzell von ausländischen Arbeitern. Und als die endlich verschwunden wa­ren, blieben immer noch 903 Einwohner übrig (1949). Heute sind es wenig über 600.

Die Verwaltungsstellen waren von oben her angewiesen, Polen und Russen als sog. Untermenschen anzusehen und zu behandeln. Von solchen Instruktio­nen waren auch unsere Bauern nicht verschont geblieben. Sie brachten ihre Fremdarbeiter aber dennoch einigermaßen menschenwürdig unter. Diese Tat­sache und so manch anderes mag zu dem guten Verhältnis zwischen beiden Parteien geführt haben, das sich auch bis über das Kriegsende hinaus bewährt hat.

Erst als die feindlichen Streitkräfte unsere Heimat überrollten und die vielen Fremdarbeiter aus ihrer »Knechtschaft« befreiten und dabei nicht vergaßen, ihnen klarzumachen, daß die deutschen Bauern auch ihre Feinde seien und daß man ihnen deshalb auch keine Dienste leisten dürfe — erst dann wurde das etwas anders — aber auch dann nicht überall, wie das Beispiel Hedwig Bonczyk-Hailand erkennen läßt. Auch der Jugoslawe, der mehrere Jahre als Kriegsgefangener bei Gastwirt Prestele gearbeitet hatte, kam hierher zurück, nachdem ihn die Amerikaner in seine Heimat transportiert hatten. Er hat dann noch manches Jahr bei Prestele gearbeitet.

Ans bittere Ende dachten aber nur Defaitisten. Wer aber durfte sich leisten, ein solcher zu sein? Die Polen, Russen, Jugoslawen und Franzosen — waren sie nicht Zeugen unserer Siege? Sie waren es doch, die mit ihrem Kauder­welsch so seltsame Klänge in unsere bayerisch-schwäbische Mundart brachten.

Aber damit sollte es nicht einmal sein Bewenden haben. Bald ließ sich dane­ben auch rheinländisches Idiom vernehmen — dann nämlich, nachdem die Deutsche Luftwaffe die Luftschlacht über England verloren hatte und die feindlichen Flieger nun ihrerseits die deutschen Industriestädte bombardier­ten und dabei tausende von Wohnungen zerstörten. Da mußten die Großstäd­ter aufs Land verschickt werden — besonders die Mütter mit ihren Kindern. Von nun an füllten sich Osterzells Häuser mit jenen Unglücklichen, die man Evakuierte nannte. Sogar eine geschlossene Schulklasse kam aus Essen mit ihrer Lehrerin hierher und teilte sich in Osterzell und Frankenhofen Unter­richtsraum und -zeit mit den einheimischen Kollegen. Wechselunterricht nannten sie diesen Behelf.

Frau Pingel, die Essener Lehrerin, wohnte mit zwei eigenen Kindern bis über das Kriegsende hinaus im Gasthaus Prestele. Und Leonhard Krügers, ei­ner von Frau Pingels Schülern, damals als Neunjähriger im Hause von Joseph und Lena Leitenmeier am Schulplatz untergebracht, stand noch bis zu ihrem Tode mit seiner ehemaligen Pflegemutter in enger Verbindung.

Wie Osterzell das Ende des Dritten Reiches erlebte

Die russischen Angriffskeile hatten die letzte Verteidigungslinie an der Oder bereits durchbrochen und stießen schon auf Berlin vor. Bald danach machten einige Osterzeller eine seltsame Entdeckung, und keinen Tag später wußte es das ganze Dorf: Oben auf den Abstellgeleisen des Waldbahnhofes stehen etwa zehn außergewöhnliche Eisenbahnwagen. Die mußten sich in der Nacht dort­hin geschlichen haben — in Deutschlands größtes Waldgebiet, den Sachsenrieder Forst.

Von Salonwagen wird gesprochen, die also mit allen Bequemlichkeiten aus­gestattet sein müssen. Von einem ausgelagerten Ministerium der Reichsregie­rung wurde gemunkelt. Einer wollte den Außenminister Ribbentrop gesehen haben, ein anderer Hermann Göring, den Reichsmarschall. Hohe Offiziere der Wehrmacht und solche der Waffen-SS hatte jeder sehen können, der sich die Mühe gemacht hatte, zu unserem Waldbahnhof hinaufzupilgern. Eine starke Wachmannschaft hätte er obendrein zu sehen bekommen.

Wie eine Bombe hatte diese Nachricht im Dorfe eingeschlagen: Ein Ministe­rium der Reichsregierung so ganz in der Nähe von Osterzell . . . Wenn diese Kunde bis zu den Generalstäben des Feindes vordränge . . . Was dann?

Und bald sickerte eine weitere Hiobsbotschaft durch: In der Nähe des Wald­hauses, das es heute nicht mehr gibt, in einem Zeltlager, habe sich der Werwolf eingenistet (ist ein Mann, der zum Wolf werden kann). Gar nicht so weit von dem geheimnisvollen Sonderzug.

Wenn man Zeitungen und Radiomeldungen trauen durfte, hatten die Ameri­kaner auf deutschem Boden schon böse Erfahrungen mit dem Werwolf gemacht, mit dieser zu äußerstem Kampf entschlossenen Organisation, wie sie das NS-Regime in letzter Minute propagierte — aber wie sich erwies, ohne nennenswerte Gefolgschaft zu finden. So blieb es also auch hier bei uns bei der verständlichen Sorge, aus einem Verzweiflungskampf könnten sich für unsere Gemeinde daraus schlimme Folgen ergeben.

Bald aber erwies sich das gefürchtete Nest als das Zeltlager einer verspreng­ten Fliegergruppe des berühmten Jagdgeschwaders »Richthofen« (benannt nach dem im Ersten Weltkrieg mit 80 Abschüssen erfolgreichen Jagdfliegers), das aber kein einziges Flugzeug mehr besaß und nun hier bei uns im Walde Endstation gemacht hatte. Statt der Flugzeuge hatten die verhinderten Flieger aber Fuhren anderer nützlicher Dinge mitgebracht. Dinge, mit denen unsere Flieger von jeher gut versorgt worden waren, Dinge, die sich schon wenige Tage später, nachdem das Lager verlassen worden war, die ärmsten unseres Dorfes, die Evakuierten, aneignen konnten: Wolldecken bester Qualität, Le­bensmittel in Paketen, Dosen und Flaschen, Wein, Bier und nicht zuletzt Ziga­retten, Zigarren, Tabak, Schokolade und schließlich Zelte.

Nicht anders erging es dem Sonderzug mit seinen Salonwagen auf den Ab­stellgeleisen des Waldbahnhofs. Auch er wurde vollständig ausgeplündert, nachdem seine hohen Fahrgäste und ihre Beschützer — wer weiß wohin — ge­flohen waren.

Im großen und ganzen gesehen, ist unsere Gemeinde einigermaßen glimpf­lich über das Kriegsende hinweggekommen. Es hätte schlimmer werden kön­nen. Und dennoch gingen drei Gehöfte dabei in Flammen auf: das Bachmann-sche in Osterzell, das von German Strohhacker in Oberzell und das von Fle-schutz in Ödwang. Es kamen zwölf Deutsche und ein Amerikaner ums Leben. Zwei Frauen wurden schwer verwundet.

Wie es zur Bachmann'schen Katastrophe kam, schildert die alte Frau Bach­mann ungefähr so: »Am späten Vormittag des 27. April 1945 kam mein Mann aufgeregt ins Haus und sagte: 'Nun ist's soweit! Ich hör's schon schießen!' Dar­in waren wir uns einig, wenn sie kommen, gehen wir alle in den Keller. Mein Mann, die drei Kinder und ich, die evakuierte Frau aus Essen mit ihren Kin­dern und die Nachrichtenhelferin, die bei uns Unterschlupf gesucht hatte — neun Personen also. Wir waren schon unten, als mein Mann etwas später nach­kam. 'Auf der alten Steige über unserem Haus ist die SS in Stellung gegangen, 'Von dort aus können sie die Straße gut übersehen', sagte er und stellte einen Rechen mit langem Stiel in einen Winkel. 'Mir will das garnicht gefallen', mur­melte er, 'das könnte uns zum Verhängnis werden'.

Etwas später hörten wir die ersten Panzer kommen. Genau vor unserem Haus muß der erste wohl angehalten haben — und die hinter ihm auch. Das konnte man an dem Geräusch gut heraushören. Gleich darauf vernahmen wir Maschinengewehrfeuer. Daß diese Schüße nicht von den Amerikanern, son­dern von der SS kamen, das sollten wir erst später sehr bitter erfahren und auch was sie angerichtet hatten.

Bald nach den Schüßen fuhren die Panzer weiter — viele — 40 oder gar noch mehr. Danach war es eine Weile ruhig. Nach etwa zehn Minuten kamen Panzer zurück. Später erfuhren wir, daß es drei gewesen waren. Sie hielten vor unserem Haus und schössen wild drauflos. Daß sie auf uns schössen — auf un­ser Haus — das merkten wir erst, als es schon brannte und der Qualm bis zu uns in den Keller drang. Da nahm mein Mann den Stiel einer Kreuzhacke und durchstieß damit das verrammelte Kellerfenster, band einen weißen Lumpen daran und steckte ihn als weiße Flagge hinaus ins Freie. Sofort hörte das Schießen auf. Es ist nicht auszudenken, was geschehen wäre, hätten sie wei­tergeschossen.

Da schlug es plötzlich hart und sehr laut gegen unsere Haustür, die wir ver­schlossen hatten. Mein Mann sprang schnell nach oben und öffnete. Drei Ame­rikaner mit Maschinenpistolen standen vor ihm. Einer von ihnen sprach ganz gut deutsch. Wo die Soldaten seien, die ihren Kameraden erschossen, als er die Panzerluke öffnete, um Umschau zu halten. Während mein Mann nach Waffen abgetastet wurde, erklärte er unter Schwüren, daß in seinem Haus we­der ein Soldat noch eine Waffe sei, daß die tödlichen Schüsse von der SS über unser Hausdach hinweg abgegeben sein müßten. Ich verfolgte das Gespräch vom Keller aus. Als ich hörte, das Vieh muß aus dem Stall, weil Haus und Stall schon lichterloh brannten, lief ich in großer Eile an den Männern vorbei in den Stall, konnte aber leider nur noch zwei von unseren Kühen retten. Der Jungstier hatte sich schon losgerissen und wurde — wie wir später hörten — auf dem Gasthausvorplatz von den Amerikanern erschossen. Fünf unserer Kü­he wurden unter der brennend herabstürzenden Stalldecke begraben.

Bei Nachbar Meister fanden wir vorläufigen Unterschlupf und konnten von dort aus zusehen, wie unser Gehöft bis auf die Grundmauern abbrannte. Und dennoch haben wir einige Zeit später noch ein paar Monate in der Ruine ge­haust. Aus zusammengesuchten Zeltbahnen hatte mein Mann ein provisori­sches Dach über ein stehengebliebenes Mauergeviert gemacht.

Später haben wir unser Grundstück vollkommen eingeebnet und an den Flüchtling Benedikt Schreiner verkauft. Er hat sich dort jenes kleine Haus ge­baut, das heute als die Nummer 6 in der Rottenbucher Straße steht«. Soweit der Bericht der alten Frau Bachmann.

Kaum zehn Minuten bevor der amerikanische Panzerkommandant vor dem Bachmann'schen Haus seine tödlichen Schüsse bekam, ging oben, auf dem ab­gelegenen Bauernhof, dem sog. Feldschuster (auf diesem Hof hat lange vor den Dempfles ein Schuster gesessen, der nebenbei auch Landwirtschaft betrieb), die Bäuerin Anna Dempfle mit ihrer Schwiegermutter in die Scheune, um dort nach dem Rechten zu sehen. Vom Fenster aus hatten die Frauen et­was seltsames beobachtet: eine Wolke von Staub oder gar Rauch — etwa ein Brand in der Scheune? Da mußte nachgesehen werden — und das wurde ih­nen zum Verhängnis.

Weil in der Scheune nichts auf einen Brand schließen ließ, gingen sie durch die Verbindungstür in den Stall. Und gerade in diesen Sekunden explodiert dort eine Granate und reißt die beiden Frauen zu Boden — fünf Kühe außer­dem. Einem sechsten Tier wird der halbe Schwanz abgetrennt. Die alte Frau ist sofort tot, die junge schwer verwundet. Ein Splitter hatte ihr ein Schulter­blatt zerschmettert. Sie konnte nur notdürftig verbunden werden, an ärztliche Hilfe war nicht zu denken. Das alles geschah in jenen Stunden, da unsere Truppen ungeordnet, in breiter Front, oft unter den Peitschen der feindlichen Tiefflieger, von Kaufbeuren her über die Feldschusterfluren zurückfluteten — und das angesichts der vielen Panzer, die auf der Landstraße dem Dorf zu­strebten.

Die Amerikaner werden angenommen haben, die zurückflutenden Deut­schen könnten sich in dem abseits liegenden Gehöft noch einmal sammeln und verteidigen, und haben um zu warnen, die verhängnisvollen Schüsse auf das Haus abgegeben — diese zwei nämlich. Der erste, der die verdächtige Staubwolke aus der Scheune getrieben, und damit die beiden Frauen zum Nachsehen veranlaßte.

Die junge Frau Dempfle überlebte, obwohl sie erst zwei Tage später, zusam­men mit der schwerverwundeten Frau aus Essen, in Presteles Landauer ins Kreiskrankenhaus nach Kaufbeuren gebracht werden konnte. Die waghalsige Fahrt unternahm unser Martin Eberle. Er hatte dafür von seiner Tochter, der heutigen Frau Ehlich, eine primitive Rot-Kreuz-Flagge nähen lassen. Waghal­sig, weil die Landstraße ununterbrochen von amerikanischen Panzern befah­ren wurde. Nicht selten mußten sie mit ihrem Landauer aufs Feld oder gar in den Straßengraben ausweichen.

Den ganzen Tag soll der Verwundetentransport unterwegs gewesen sein. Es war Sonntag, der 29. April 1945. Ob es ein sog. Eintopf-Sonntag war (das NS-Regime propagierte sog. Eintopf-Sonntage, ein einfaches Mahl sollte zur Spen­denfreudigkeit bewegen), ist ungewiß. Mit Sicherheit aber kann gesagt werden, daß Pfarrer Glöggler an diesem Sonntag schon eine gut besuchte Messe gele­sen hat. Am Tag zuvor waren nur der Pfarrer, Franziska Eggert und ihr Vater, Ignaz Schönle, in der Kirche gewesen.

»Um Haaresbreite hätten wir vier Frauen, die wir damals in der neuen Schu­le wohnten, die Schießerei bei Dempfles am eigenen Leibe miterlebt«, berich­tet Fräulein Josephine Däxle, im Dorf kurz Schul-Pepi genannt, die Cousine der damaligen Lehrerin, Fräulein Bäuerle.

»Als die Amerikaner damals, im Frühjahr 1945, im Eiltempo im süddeut­schen Raum vordrangen, empfahlen uns Dempfles, den Einmarsch der feindli­chen Truppen oben bei ihnen, im abgelegenen Bauernhof abzuwarten. Das Angebot war uns sehr recht. Wir stimmten zu. Aber es sollte dann doch ganz anders kommen: Am schlimmen Tag, schon in der Frühe, sprach sich's im Dorf herum, daß es in der Käseküche Frankenhofen Käse gäbe, Käse ohne Marken und zwar soviel, wie jeder haben wolle. Der ferne Kanonendonner hat­te diese Freigebigkeit wahrscheinlich bewirkt.

Trotz der nahenden Gefahr schwang ich mich auf mein Fahrrad und raste nach Frankenhofen. Dort standen vier Frauen an. Und die ließen mich sogar vor, weil sie sahen, daß ich atemlos war, es sehr eilig hatte. 'Wenn Sie vor dem Ami wieder in Osterzell sein wollen, müssen Sie sich aber beeilen', sagte der Käser, indem er mir fünf oder sechs Pfund Käse in den Sack steckte und auf 20 Mark herausgab, 'ein Tiefflieger ist schon mal über uns hinweggerast und hat die Wehrmachtskolonnen beschossen'.

Als ich zurückkam, wimmelte es am Dorteingang von deutschen Soldaten -dort, am Hailand'schen Holzplatz — auch in der Straßenenge zwischen Wohn-und Stallgebäude. Da hörte ich Befehle und lauten, heftigen Streit zwischen zwei Männern.

Ich stieg vom Rad und erkannte Pankraz Hailand; der stritt sich mit einem hohen Offizier. Ich glaube, es war ein General. Der schrie den Sägemüller plötzlich wütend an: 'Machen Sie, daß Sie wegkommen, sonst werden Sie so­fort standrechtlich erschossen!'

Dann sah ich den Pankraz Hailand fortlaufen. Denn der General hatte indes­sen schon seine Pistole gezogen und lief sogar ein Stück hinter dem Sägemül­ler her, bis der in seinem Haus verschwand.

Was es mit dem Streit der beiden auf sich hatte, erfuhr ich erst einige Tage später. Ich hatte es zu dieser Stunde mehr als eilig. Ungefähr so hatte es sich zugetragen: Weil der General annahm, daß die Amerikaner auch von Buchloe her auf unser Dorf vorrückten, sollten sie am Eingang des Dorfes, bei Hailands Sägemühle, aufgehalten werden. Und dazu — so meinte der General — seien die beiden Gebäude Hailand sehr gut geeignet. Dagegen aber hatte Pankraz Hailand aus begreiflichen Gründen protestiert und dadurch sogar sein Leben riskiert. Aus den Hailand'schen Häusern ist dann aber kein Schuß abgefeuert worden. Denn bald nachdem sich der General in Sicherheit gebracht hatte, zo­gen sich auch die Soldaten zurück. Aber hinter der hohen, dicken Kirchhof­mauer schienen sich welche verschanzen zu wollen.

Die 14-köpfige Familie Hailand mit der Polin Helene hat die Stunde X im Keller des Eberle'schen Haus verbracht. Aber dann, als der Abend kam, mußten sie alle — die Hailands wie die Eberles — das Haus für die Nacht den Ame­rikanern überlassen. Nur Martin Eberle durfte — nein mußte sogar — bei der schwerverwundeten Frau aus Essen im Hause bleiben. Alle anderen waren ge­zwungen, sich im nahen Frankenhofen einen Unterschlupf zu suchen. Aber eben nur für die erste Nacht«.

»Gerade als ich den Schulflur betrat«, so berichtet die Schul-Pepi weiter, »ge­rade da prasselte wieder ein Tiefflieger über uns hinweg und schoß und schoß. Meine drei Leute saßen zitternd auf den Stufen des Treppenhauses, denn ei­nen Keller gibt es im ganzen Schulhaus nicht. Und während wir bei der schrecklichen Schießerei verängstigt auf der Treppe saßen, sind eine Anzahl Geschosse durch das Treppenhausfenster ins Hausinnere gegangen — eines sogar vorn durch das Oberlicht der Eingangstür in den Giebel der alten Schu­le. Drei der Einschüsse sind noch heute im Holz der Stufen zu sehen. Ein Ge­schoß steckt sogar sichtbar in dem Handlauf des Geländers.

Unsere Haustür hatte ich hinterher verschlossen und verriegelt, denn der Kanonendonner war inzwischen viel näher gekommen. Nach etwa einer Vier­telstunde wurde von draußen hart und wild gegen die Tür geschlagen. Meine Cousine aus München faßte sich ein Herz, lief schnell hin und öffnete. Drei Amerikaner mit vorgehaltener MP schoben die verängstigte Frau zur Seite und fragten nach deutschen Soldaten. Meine Cousine, wir alle beteuerten und gaben Zeichen, daß alle Soldaten in südlicher Richtung abgezogen und keiner von ihnen im Haus sei. Ohne unsere Schwüre weiter zu beachten, stürmten die Amerikaner an uns, die wir auf der Treppe saßen, vorbei in die Wohnung. Von dort kehrten sie aber schon nach kurzem zurück und verließen das Haus in großer Eile. Sie deuteten dabei aber an, alle Türen offen und keine verschlos­sen zu halten.

Wir bekamen alle einen Schreck. Was wäre gewesen, wenn sie einen Blick in den Klassenraum hätten werfen wollen? Der war fest verschlossen, den Schlüs­sel dafür hatten die deutschen Soldaten mitgenommen. Ein Regiments- oder Bataillonsstab hatte einige Tage zuvor angefangen, sich darin einzurichten. Und dazu war es so gekommen: Ein Offizier war zur Lehrerin Bäuerle in den Unterricht geplatzt und hatte den Klassenraum für beschlagnahmt erklärt. Un­terricht brauche sie nicht mehr zu halten. Und bald hat es so ausgesehen, als wolle man sich auf lange Zeit im großen Schulraum einrichten. Bretter und Latten wurden herbeigeschafft. Einen Verschlag sollte das geben. Auch größe­re Mengen Wäsche und Lebens- und Genußmittel befanden sich hier, mögli­cherweise sogar Waffen.

Und als habe unsere Angst die nächsten Amerikaner, herbeigezogen, ka­men vier im Eilschritt, trugen diesmal aber klobige Karabiner vor sich her. Auch sie fragten nach deutschen Soldaten und gingen schnurstracks auf die
Klassentür zu. Als sie diese verschlossen fanden, verlangten sie durch Gesten den Schlüssel dafür. Ich glaube, daß wir nur mit den Schultern gezuckt haben. Da schlugen auch schon zwei von ihnen mit den Gewehrkolben dagegen, daß die Tür splitternd aufsprang.

Während wir zitternd dasaßen und auf das Schlimmste gefaßt waren, ver­schwanden die vier Soldaten im Klassenraum. Wir hörten, daß sie dort etwas um- oder durcheinanderwarfen — suchten — wahrscheinlich aber nicht fan­den. Deshalb kehrten sie wohl auch nach kurzer Zeit zurück und verließen das Schulhaus im Laufschritt, sehr enttäuscht. Was hätten sie wohl auch mit Lat­ten, Brettern, Hemden und anderem Kram anfangen sollen. Sich an so etwas in Deutschland zu bereichern, hatten die Amerikaner nicht nötig. Daß sie nach Schnaps und Wein gesucht hatten, das wurde uns erst einige Stunden später klar. Deutsche Soldaten waren nur ein Vorwand gewesen.

Die Tür zum Unterrichtsraum war so gründlich zerschlagen, daß Schreiner­meister Schmolz aus Oberzell, eine neue machen mußte — das aber erst spä­ter.

Am Nachmittag jenes 27. April saßen wir noch immer auf unserer Treppe, denn es fielen ja hier und da immer noch Schüsse — einige sogar in allernäch­ster Nähe. Die müssen wohl den jungen deutschen Soldaten aus Dachau ge­troffen haben — und zwar tödlich, weil er die Aufforderung, stehenzubleiben, nicht befolgt hatte. Am Abhang des Spitzberges habe ich ihn liegen sehen.

Am nächsten Tag hörten wir dann, daß außer dem Bachmann'schen Gehöft in Osterzell auch das von German Strohhacker abgebrannt sei. Auch das hat­ten die Amerikaner in Brand geschossen. Aus der Strohhacker'schen Haustür war da ein deutscher Leutnant getreten und auf die Amerikaner zugegangen, ein von nächtlicher Geburtstagsfeier Angetrunkener. Er habe, so berauscht er auch gewesen war, mit den feindlichen Soldaten verhandeln wollen, sei aber auf keine Gegenliebe gestoßen — im Gegenteil: man hatte ihn gefangengenom­men und all seiner Papiere und Habseligkeiten beraubt, wie er viele Jahre spä­ter, anläßlich eines Besuches in Osterzell erzählte. Nur seinen Ehering habe er unter seiner Zunge verbergen und damit retten können.

Zu erwähnen bleibt, daß nur die Strohhacker'sche Scheune bis auf die Grundmauern abbrannte, das Wohnhaus aber gerettet werden konnte, obwohl auch das mehrere Brandgeschosse durch die Haustür bekommen hatte. Die Amerikaner hatten wohl geglaubt, ein Offizier werde niemals ohne einen Trup­penteil im Hause liegen.

Zurück zum Tage X, zurück auf die Treppenstufen der neuen Schule! Ob­wohl wir uns winterlich angezogen hatten begannen wir doch zu frieren. Die Haustür stand sperrangelweit offen, wir warteten auf neuen Besuch. Da glaub­te meine Cousine Maria, die Lehrerin, ferne stöhnende Rufe zu hören — Klagelaute. Bald hörten wir das alle vier. Ein Verwundeter liegt auf dem Kirchhof und ruft nach Wasser. Jetzt war uns das klar.

'Dem Armen muß Wasser gebracht werden', sagte meine Münchner Cousi­ne. Sie war die Tapferste unter uns. 'Wenn's keiner bringen will, werde ich es tun'. Sie ging nach oben in die Küche, holte einen ziemlich großen Krug, füll­te ihn mit Wasser und schlich damit fort.

Und richtig. Nach wenigen Minuten hörte das Klagen auf. Bald kam meine Cousine sehr aufgeregt zurück — aber ohne Krug. Sie hatte ihn bei dem Ver­wundeten gelassen. 'Er liegt auf dem Friedhof, direkt an der Mauer', sagte sie weinend, 'ein ganz junger Soldat — Brustschuß, meine ich. Ein anderer tot -direkt auf der Kirchhoftreppe, einer unter der Linde, einer in seinem Blut auf dem Hof von Schweigers. Vielleicht lebt er noch. Ich wagte mich aber nicht bis zu ihm hin. Es kamen zwei Amerikaner im Sturmschritt von Presteles her auf die Linde zu. Sie trugen weiße Armbinden, vielleicht Sanitäter. Hoffentlich nehmen sie sich der Armen an'.

Am nächsten Tag erfuhren wir von Schweigers, daß sich die Amerikaner we­der um Verwundete noch um Tote kümmerten, daß aber Pfarrer Glöggler den von der Kirchhofmauer zu sich in den Pfarrhof geschleppt hatte — und später auch den, der auf dem Schweiger'schen Hofe in seinem Blute lag.

Am späten Nachmittag jenes merkenswerten Tages zog ein Gewitter auf. Es donnerte und begann schließlich zu regnen. Das konnten wir auch von unse­rer Treppe aus beobachten. Und jetzt erst wurde uns bewußt, daß den Tag über die warme Sonne auf unser Elend herabgesehen hatte. In der Nacht be­gann es zu schneien.

Als jedem von uns klar wurde, daß wir uns hier auf den Treppenstufen den Tod holten, fanden wir endlich den Mut, nach oben in die Wohnung zu gehen. In der Küche heizten wir uns ein. Gerade als wir daran dachten, von dem gro­ßen Stück Käse zu essen, das ich in Frankenhofen erstanden hatte, hörten wir schwere Schritte die Treppe heraufkommen — drei Amerikaner. Sie ließen er­kennen, daß sie die Wohnung durchsuchen müßten — nach Waffen, so glaub­ten wir zuerst — oder versteckten deutschen Soldaten. Die Küche nahmen sie sich dabei besonders vor. Als sie nichts interessantes fanden, fragten sie nach Wein und Schnaps, die sie wohl vergeblich gesucht hatten. Wie auch jene, die unsere Klassentür aufgebrochen. Während wir bedauerten, fiel der Blick eines Soldaten auf die Armbanduhr meiner Cousine Maria. Er tippte mit seinem Zei­gefinger zuerst auf die Uhr und dann auf seine Brust und sagte: "Souvenir -memory!" Maria schüttelte den Kopf und deutete an, daß sie das Ding als Leh­rerin dringend brauche. So wurden wir die drei auf anständige Weise wieder los.


Die Nacht verbrachten wir in unseren Tageskleidern — aber bei unverriegel-ten Türen. Das letztere hatten uns die drei bei ihrem Weggehen dringend emp­fohlen.

Es war eine schlimme Nacht, obwohl wir keinen Besuch bekamen. Kaum etwas eingeschlafen, schreckte uns Kanonendonner auf. Meistens kam er aus allernächster Nähe. Später erfuhren wir, daß jene Panzer, die in Mengen auf den Wiesen zwischen Frankenhofen und Oberzell standen, immer wieder ein­mal einen Schuß auf den Sachsenrieder Forst abgefeuert haben. Der Ruhe, die dieses übergroße Waldgebiet ausstrahlte, traute man wohl nicht so recht. Besser man warnte übermütige Werwölfe

Tatsächlich konnte sich dort so mancher deutsche Soldat auf einige Zeit ver­bergen und von den Amerikanern sozusagen »überrollen« lassen, so wie es der klägliche Haufen des Jagdgeschwaders Richthofen eben auch getan hatte.

»Zwei dieser verhinderten Flieger . . .«, so erzählt heute Frau Marianne Eh-lich, die Tochter des Kohlenhändlers Martin Eberle, im letzten Haus der Kaltentaler Straße, »zwei dieser Flieger haben uns damals einen tüchtigen Schrecken eingejagt. Ganz plötzlich standen sie vor unserer Tür. Sie ahnten wohl nicht, daß dem schwere Strafe drohte, der deutsche Soldaten beherberg­te oder unterstützte. Schon über acht Tage war es her, daß die Amerikaner bei uns eingerückt waren. Wir hatten uns schon an die khakibraunen Uniformen gewöhnt. Es war am Sonntag, dem 6. Mai. Wir waren gerade aus der Kirche ge­kommen, da standen die beiden froh und heiter vor uns. Am linken Ärmel ih­rer Uniformbluse war »Jagdgeschwader Richthofen« eingestickt.

Und ein komisches Motorrad hatten sie bei sich. Man sah dem Ding an, daß es behelfsmäßig zusammengeschustert war — mit Reifen, viel dicker und brei­ter, als man sie sonst bei Motorrädern sieht. Er habe zu wenig Luft in den Rei­fen, sagte der eine; damit könne er unmöglich einen Kilometer weit kommen - noch dazu mit zwei Mann und dem vielen Gepäck. Nach Landsberg an der Warthe, wo er zuhause sei, könne er zwar nicht, weil dort die Polen hausten. So wolle man wenigstens bis Gelsenkirchen im Ruhrgebiet töffen, wo sein Ka­merad wohne. Sie brauchten also eine Luftpumpe, und zwar eine für Autorei­fenventile. Und weil man hier bei Eberles zwei Garagentore gesehen, habe man hier auch eine Autoluftpumpe vermutet.

Unsere Luftpumpe hat Gerhard Krüger zwar auf seinen künftigen Lebens­weg geholfen, nach Gelsenkirchen aber hat ihn die in Osterzell aufgepumpte Luft nicht gebracht. Schon in Rieden bei Pforzen war seine Irrfahrt zu Ende. Dort in Rieden hat Gerhard Krüger seine neue Heimat gefunden.

Und nun zurück zur Stunde X, die dem Einmarsch der Amerikaner voraus­ging. Wären den deutschen Stäben damals die Zügel zu ihren Truppenteilen



nicht längst aus den Händen geglitten gewesen, der 27. April 1945 hätte unse­rer Gemeinde zur Katastrophe gereicht.

»Ich kam damals, in der Nacht vom 26. zum 27. April gegen 22.00 Uhr auf Krücken aus dem Lazarett von Herrsching nach Hause«, erinnert sich Georg Strohhacker, Oberzell, der Sohn jenes Bürgermeisters, der 1933 sein Amt "freiwillig" dem Parteigenossen Wölfle überlassen mußte. »Den größten Teil der Strecke hatte ich per Anhalter zurücklegen müssen. Meine funkelnagel­neue Prothese trug ich auf dem Rücken, weil sie mich schmerzte und ich mit ihr schlechter gehen konnte als auf Krücken. Mein linkes Bein hatte ich ja in Krasnograd zurücklassen müssen. Es war Einquartierung im Haus, eine Tech­nische Einheit, die ihre Fahrzeuge im Sachsenrieder Forst — sozusagen ver­steckt hatte — der feindlichen Flieger wegen. Unser Haus war voll. Ich wußte mich kaum irgendwo niederzulassen.

Gegen 23.00 Uhr erschien plötzlich der Wachtmeister eines Artillerie-Regiments, vertrieb die Techniker aus dem vorderen Eckzimmer und be­schlagnahmte den Raum für den Stab seines Regiments. Der Tisch, der schon im Zimmer stand genügte ihm nicht. Ein anderer mußte dazu gestellt werden — für die Generalstabskarten, sagte er. Bald darauf hielten zwei VW-Kübelwagen vor dem Haus. An diese erinnere ich mich deshalb sehr genau, weil einer von ihnen bald nicht mehr existierte.

Es wurden einige Klamotten — wie es damals hieß — ins Zimmer gebracht, vor allem Taschen mit Karten. Ein Oberst und einige Offiziere erschienen und richteten sich ein, so gut sie konnten. Und bald wurde geplant.

"Dieses Gelände hier", so hörte ich den Oberst mehrfach sagen, "dieses Ge­lände ist zur Verteidigung geradezu ideal". Mich überlief ein Schauer, weil ich mir vorstellte, was das für uns, unser Dorf, bedeutete.

Am nächsten Morgen schreckte mich der Höllenlärm von Tieffliegern aus dem Schlaf. "So geht das schon tagelang", sagte mein Vater.

Gegen zehn Uhr beobachtete ich vom Fenster aus, wie der Fahrer eines der beiden Kübelwagen hinzusprang, um den Oberst einsteigen zu lassen. Sie fuh­ren eilig in Richtung Osterzell davon.

Kaum zehn Minuten später bogen die beiden wieder auf unseren Hofplatz ein — der Oberst und sein Fahrer — aber nicht im Kübelwagen, nein zu Fuß, im Eilschritt, sehr aufgeregt. Der Oberst blutete im Gesicht. Wie sich schnell herausstellte, hatte der nächste Tiefflieger den Kübelwagen auf der Straße nach Osterzell, in der Nähe des Gehöftes Settele, in Brand geschossen und den Oberst dabei verletzt — aber nur leicht im Gesicht.

Wer weiß, wie viel andere dasselbe Schicksal hätten erleiden müssen, wäre dieser Oberst nicht durch den amerikanischen Flieger so drastisch belehrt worden, daß es zu spät dafür war, seine versprengte Batterie zusammenzusuchen und in die vorgesehenen Stellungen zu bringen. Und doch versuchte er das mit Hilfe eines Technikers telefonisch zuwege zu bringen. Aber keiner sei­ner Batterie-Chefs war an die Strippe zu bekommen. Ein Glück!

Während der verwundete Oberst nun telefonisch nach dem Rest seiner Bat­terien fahndete, bereiteten Tante Therese und Katja, ihre ukrainische Helferin, das Mittagessen. Es sollte an diesem Tage nicht anders gehandhabt werden als an all den Tagen vorher: Jeder Soldat, der bei uns Zuflucht gefunden hatte, wurde auch verpflegt — wenigstens mit einer warmen Mahlzeit. An diesem Ta­ge gab es Geräuchertes mit Kartoffelbrei und Sauerkraut. Ich werde es nie ver­gessen, denn es war unser letztes Essen, zu dem unser Haus Soldaten der Deutschen Wehrmacht einladen konnte. Die Hälfte davon mußten unsere Gä­ste stehenlassen und Hals über Kopf im übriggebliebenen Kübelwagen davon­fahren. Am Abend stand schon eine Feldküche der Amerikaner auf unserem Hof

Über Ödwang wird von Herrn Josef Fleschutz folgendes berichtet: »Wäh­rend der Nacht vom 26. auf den 27.4.1945 wurden in unserem Haus von den zurückflutenden Truppen eine Schreibstube und eine Feldküche in der Tenne eingerichtet. In der Obertenne wurde ein Munitionslastwagen abgestellt. Die­ses Fahrzeug wurde wegen eines Motorschadens im Laufe des Vormittags ab­geschleppt, was offensichtlich von den ständig über Ödwang hinwegfliegenden Tieffliegern beobachtet wurde. Nach einiger Zeit wurde unser Haus von den Tieffliegern unter Beschuß genommen, bis es gegen 11.00 Uhr in Brand auf­ging. Von der Habe konnten nur geringe Gegenstände gerettet werden.

Ein organisatorisches Eingreifen der Feuerwehr war auf Grund des Chaos nicht möglich, so daß aber trotzdem Polen, Serben und Ukrainer mit noch in Ödwang vorhandenen Männern eine Schlauchleitung vom Bach herauflegten und mit der Handspritze Löschversuche unternahmen. Damit konnte verhin­dert werden, daß das angebaute Anwesen Huber gerettet werden konnte, ob­wohl der Stadelschild schon brannte und das Haus bereits ausgeräumt war.

Bis zum notwendigsten Aufbau im Herbst 1945 wohnten wir in unserem Bie­nenhaus. Am Abend des 27.4.1945 zogen wir, d.h. meine Mutter, Großmut­ter, mein Großvater und ich mit einem Handwagen mit nicht verbrannten Habseligkeiten nach Stocken in das Haus von Josef Angerer. Dabei wurden wir einige Male wegen des bestehenden, uns aber nicht bekannten, Ausgehverbots von den Amerikanern mit schußbereiten Waffen aufgehalten und als Partisa­nen betitelt, bis ein deutschsprechender Amerikaner als Dolmetscher auftrat und uns bis Stocken begleitete.

Am 28.4.1945 gingen wir wieder nach Ödwang, aber das Dorf war leer. Es wurde von den Besatzungstruppen geräumt, weil angeblich noch deutsche Wi­derstandstruppen sich in Richtung Königsried (Hergatshofener Flur) befanden, die im Rahmen eines Angriffs mit Panzern ausgehoben werden sollten. Offensichtlich waren diese Überreste der deutschen Armee aber schon abgezo­gen, denn es fanden keine Kampfhandlungen mehr statt. Die Ödwanger Bevöl­kerung befand sich während dieser Zeit zum Teil mit Wagen und Pferden, so­wie einem Teil der Habe auf der Hochreuthe (Feldstadel Stork und Stroh­hacker), wo wir auch hingingen. Am nächsten Tag durften die Ödwanger wie­der in ihre Häuser.

Beim Einmarsch der Amerikaner am 27.4.1945, ca. 15.00 Uhr, fiel vom Baumlager der Firma Ellenrieder her ein Schuß, der sofort mit Schüssen aus den Panzern beantwortet wurde. Offensichtlich wurde aber niemand verletzt.

Die beiden Panzersperren — so lächerlich sie auch gewesen sein mögen — sie hätten für die Bewohner der Dorfmitte sehr verhängnisvoll werden können und sollen deshalb nicht unerwähnt bleiben. Ein hoher Stabsoffizier ließ sie damals unmittelbar am Gasthaus "Zur Post" errichten. Vermutlich war es jener, der Pankraz Hailand hatte erschießen wollen, weil der sein Wohnhaus, seine Scheune und seinen Holzplatz nicht hatte zur Festung machen lassen. Denn wie es dort unten bei Hailands heftigen Streit gegeben hatte, so gab es ihn nun auch hier oben, als die Fuhrleute merkten, was man mit zwei ihrer Langholz­fuhren machen wollte: Panzersperren.

Und das war so gekommen: Vom Tempo des amerikanischen Vormarsches nichts ahnend, waren die drei Holzfuhrleute der Spittelmühle Kaufbeuren an jenem 27. April in aller Frühe mit drei Pferdegespannen über Osterzell in den Sachsenrieder Forst gezockelt, hatten dort gemeinsam in schwerer Arbeit mit Winden und Ketten drei mächtige Langholzfuhren geladen und waren da­mit, wie gewohnt, kurz vor Mittag bis an unser Gasthaus Prestele gekommen. Hier aber mußten sie jedes Mal zwei ihrer Fuhren auf dem Vorplatz des Gast­hauses stehenlassen, um einem dritten Vorspann leisten zu können. Denn ein Paar Pferde schaffte eine so schwere Fuhre nicht allein die steile Steige hinauf.

Die Stabsoffiziere, die damals in der Gaststube zu Mittag tafelten, konnten den Vorplatz gut überschauen und entdeckten bald die beiden zurückgebliebe­nen Langholzfuhren und wohl auch ihren taktischen Wert.

Kurze Zeit später machte sich eine Gruppe deutscher Soldaten über die Fuhren her und schob die eine so zwischen Presteles Geräteschuppen und Scheune, daß die langen Stämme die heutige Rottenbucher Straße sperrten. Denn Presteles Scheune ging damals, bevor sie abbrannte, bis an die Straße heran. Mit der zweiten Fuhre sperrten die Soldaten die heutige Kaltentaler Straße zwischen dem Gasthaus und der Mauer des Pfarrhofgartens, von der heute nur noch Reste stehen.

Hätte nun ein feindlicher Panzer, von Buchloe kommend, diese Sperre un­ter Feuer genommen, wären Pfarrhof, Kirche und ganz besonders das Gehöft Schweiger (heute Ludwig Lang) mit in die Schußlinie geraten. In dieser Sorge eilten Schweigers zum Hause Storf (später Leitenmeier, jetzt Schlayer). Nach etwa einer Stunde hatten die Schweigers aber keine Ruhe mehr. Und da sich die Schießerei schon etwas entfernt hatte, ließen sie sich von Storfs ein weißes Bettlaken geben. Zwei von ihnen breiteten es zu einer Fahne aus und alle stahlen sich so wieder nach Hause. Sie kamen gerade dazu, als Pfarrer Glögg ler einen deutschen Soldaten, der auf dem Schweiger'schen Hof in seinem Blut gelegen hatte, zu sich in den Pfarrhof schleppte.

Bei ihrem Weggang hatten die Schweigers die Haustür verschlossen. Sie fan­den sie jetzt zertrümmert und offenstehend wieder. Im Haus war alles durch­einandergeworfen — anscheinend alles durchsucht.

Wer die zwei lächerlichen Panzersperren beiseite geräumt hat — ob Freund oder Feind — bleibt ungewiß, denn jene, die es hätten bezeugen können, die saßen in diesen kritischen Minuten verängstigt in den Kellern. Vermutlich aber waren es unsere eigenen Soldaten, jene, die nachgezockelt kamen und vom Feind verfolgt wurden, denen die Wagen im Wege standen. Tatsache aber ist, daß die Kaufbeurer Holzfuhrleute alle drei Langholzfuhren nach Hause ge­bracht haben — gewiß dank der Rücksichtnahme entgegenkommender Feind­panzer.

Auch der mehrere Kilometer langen Marschkolonne von entwaffneten — al­so gefangenen — deutschen Soldaten soll an dieser Stelle noch gedacht wer­den, die sich in den letzten Apriltagen auf verschneiter Straße von Schongau her durch Stocken und Osterzell bewegte. Das Gewitter am Abend des 27. April hatte ja den Winter noch einmal für eine Woche zurückgebracht.

Augenzeugen berichten, daß dabei manche mitleidige Frau von den ameri­kanischen Begleitmännern mit der Waffe bedroht wurde, wenn sie Brot, Was­ser oder auch heißen Kaffee für die ausgehungerten deutschen Soldaten an den Wegrand stellte.

Später sprach es sich in Osterzell herum, daß diese Gefangenenschlange den Franzosen in die Hände gespielt worden war, daß diese Männer noch manches Jahr in Frankreich zubringen und arbeiten mußten, bevor sie nach Hause kamen; während jene, die in das Lager Bießenhofen gerieten oder frei­willig dorthin gingen, schon nach wenigen Tagen ihren Entlassungsschein und damit ihre Freiheit bekamen, wenn sie nur der Wehrmacht, nicht aber der Waffen-SS angehört hatten. So mußte jeder, bevor sein Entlassungsverfahren in Angriff genommen wurde, mit entblößtem Oberkörper durch eine ärztliche Kontrollstelle gehen und nachsehen lassen, ob er nicht auf der Innenseite des linken Bizeps das verräterische Kennzeichen trägt: die dort eintätowierte Blut­gruppe des SS-Mannes. Wer aber an der fraglichen Stelle etwa eine Narbe hatte, geriet sofort in den Verdacht, das Kennzeichen durch operativen Eingriff entfernt zu haben. Er wurde vorläufig nicht entlassen.

Entlassen aber wurden aus diesem Lager neben vielen anderen auch viele Osterzeller, die dort hingegangen, um einen ordentlichen Entlassungsschein in die Hände zu bekommen. Aber auch so manch anderer Soldat, der sich im Wald oder irgendwo anders vor den heranrückenden Feinden versteckt gehal­ten hatte, ging nun freiwillig auf kurze Zeit in dieses Lager, um dort ordnungs­gemäß entlassen zu werden.

Eine amerikanische Kommandantur hat es in Osterzell nicht gegeben, wohl aber in Kaufbeuren und Marktoberdorf. Militär-Patrouillen waren jedoch kei­ne Seltenheit. Während der ersten Tage fuhren Panzer durch die Straßen un­serer Dörfer. Dann waren es Lastwagen mit aufgesessener Infanterie. Und schließlich fuhr man nur Streife in den berühmten Jeeps. Die Streifen hatten dafür zu sorgen, daß die sog. Tagesbefehle befolgt wurden, deren Wortlaut in deutscher Sprache für jedermann auf großen Plakaten zu lesen stand.

So durfte sich z.B. niemand mehr nach dem Dunkelwerden außerhalb des Hauses aufhalten. Das Zusammenstehen einer bestimmten Menge von Perso­nen stand unter Strafe. Sämtliche Waffen waren abzuliefern. Die lagen dann später zerschlagen, unbrauchbar gemacht, irgendwo am Straßenrand. Jemand will gesehen haben, wie die Amerikaner mit Panzerwagen über aufgestapelte deutsche Waffen hinwegfuhren, um sie zu zerstören. Auch Fotoapparate muß­ten abgeliefert werden.

Daß keine anderen Osterzeller mit den Tagesbefehlen der amerikanischen Besatzungsmacht in Konflikt gerieten, als ausgerechnet unser damaliger Pfar­rer Glöggler und der achtjährige Sohn Michael des Kammersängers Holm, des­sen evakuierte Familie damals im Hause Barnsteiner (heute Fischer am Schul­platz) Unterschlupf gefunden hatte, das sind zwei Geschichten für sich und sollten nicht unerwähnt bleiben.

In der Tat, unser tapferer Pfarrer Glöggler war dem erlassenen Waffen-Tagesbefehl nicht nachgekommen. Sagen wir: nicht strikt nachgekommen. Das Corpus delicti waren zwei aus dem Ersten Weltkrieg stammende Säbel, die der Pfarrer nach Studentenart gekreuzt als Wandschmuck in seiner Wohnung angebracht hatte. Die Hauskontrolle einer amerikanischen Streife genügte, und schon half es unserem Pfarrer nichts; er mußte in einen offenen Jeep stei­gen und es sich gefallen lassen, zur Kommandantur nach Kaufbeuren eskor­tiert zu werden. Es heißt, er sei ohne Strafe davongekommen. Ob er aber sei­ne beiden Säbel behalten durfte, ist ungewiß.

Der zweite, der Fall Holm, wog schwerer und hätte sehr schlimme Folgen haben können — besonders für das Gehöft Schweiger (heute Ludwig Lang). Denn von seinem Grundstück aus war ein scharfer Schuß abgegeben worden, ungezielt zwar, über die Dorfstraße hinweg, irgendwohin ins Blaue, ohne zum Glück jemanden zu schaden. Auch nicht der Familie Schweiger, der der Schuß als Angriff auf die amerikanische Armee angelastet werden sollte.

Dem serbischen Kriegsgefangenen ist es zu verdanken, daß die Sache so glimpflich ablief. Er stellte seinen deutschen Arbeitgebern ein gutes Leu­mundszeugnis aus — und das wiederum dank dem guten Englisch, das die her­beigerufene Mutter des Jungen sprechen konnte.

Das alles war so gekommen: Am Tage X hatten unsere Soldaten einen Wehrmachts-Lastwagen mit brisanter Ladung auf dem Hofe Schweiger abge­stellt und ihr Heil in wilder Flucht gesucht. Eine Gruppe nachrückender Ame­rikaner nahm sich des Wagens und vor allem seiner Ladung an: eine Menge Karabiner, dazu passende Munition, ein Sack Zucker und ein zweiter mit Reis.

Die Karabiner schlug man an der Mauer des Schweigerschen Hauses in zwei Teile, so daß jedes Gewehr ohne Kolben war, und ließ die Bruchstücke auf dem Bauernhof liegen. Man meinte, ein zerschlagenes Gewehr bilde keine Ge­fahr für ihre Truppe und fuhr eilig in Richtung Oberzell davon.

Am nächsten Tag, dem 28. April 1945, sah es dann in Osterzell schon wieder etwas anders aus. Das Schießen war verstummt, oder wenigstens in weite Fer­ne gerückt. Die Leute wagten sich wieder auf die Straße, obwohl noch immer amerikanische Truppen auf ihr fuhren oder auch marschierten — zuweilen auch in entgegengesetzter Richtung. Und während Thomas Schweiger, der später jahrzehntelang Bürgermeister war, mit einigen Helfern die elf auf Oster-zeller Boden gefallenen deutschen Soldaten zusammentrug und sie auf der Nordseite unseres Friedhofes in einem Massengrab unterbrachte, tummelten sich die größeren Jungen und suchten sich lohnendere Beschäftigung. Sie sammelten leere Patronenhülsen und stöberten in den Gepäckstücken, die deutsche Soldaten auf wilder Flucht weggeworfen hatten. Und Michael Holm interessierte der Stapel zerschlagener Gewehre und brachte sogar eine Patro­ne in einen der vielen Gewehrläufe — zum Unglück eine scharfe. Weil er wuß­te, daß das Ding beim Knall mächtig zurückschlägt, besorgte er sich eine lan­ge Schnur, band sie an den Abzug und löste den Schuß aus. Den Schuß, den auch die Amerikaner nicht überhörten.

Osterzell in den Jahren des Interregnums

Elf Tage nachdem die Amerikaner unsere Heimat eingenommen, sie unter ihre Kontrolle gebracht hatten, am 8.Mai 1945, kapitulierte das Oberkomman­do der Deutschen Wehrmacht mit allem, was von den einst so stolzen Armeen und Geschwadern noch übrig war — und zwar bedingungslos — sonst hätte dieser Mord gnadenlos weitergehen müssen.