NUMMER 266 SAMSTAG, 17. NOVEMBER 2012

Bayern

Ein Grab für einen unbekannten Soldaten: Hubert Joachim und Katharina Hahne haben sich zum Ziel gesetzt, möglichst vielen Kriegsopfern einen Namen und ein Gesicht zu ... und im Kreise der Familie vor einem geben. Deshalb haben sie im Internet eine Datenplattform aufgebaut. Foto: Wolfgang Kumm, dpa/www.kriegsopfer.org (2) Kriegerdenkmal.

Gegen das Vergessen

Volkstrauertag Hubert Joachim und Katharina Hahne veröffentlichen im Internet Namen, Fotos und andere Informationen über Kriegsopfer aus der Region. Sie wollen die Erinnerung wachhalten und bitten um Mithilfe

VON SARAH WENGER

Bobingen/Wiggensbach Ein Jagdflugzeug stürzt ab. Mindestens 20 Kinder rennen zur Maschine, deren Treibstofftank kurz darauf explodiert. Der Pilot hat die Buben und Mädchen noch gewarnt, doch deren Neugier ist größer. An diesem 20. Mai 1944 überleben nur der Pilot und einige Erwachsene. An den Ort erinnern sich Hubert Joachim und Katharina Hahne nicht, wohl aber an die Mithilfe des Luftwaffenfo-rums, das ihnen sogar die Flugzeug-Modellnummer geliefert hat.

Mit Ahnenforschung fing alles an

Es sind gut 20 von rund 56000 Opfern, die die beiden in einer Datenbank im Internet erfasst haben. Auf www. kriegstote, org beziehungsweise www. kriegsopfer. org veröffentlichen Joachim und Hahne Namen, Bilder, Briefe und weitere Informationen von Verstorbenen, um, wie sie sagen, „gegen das Vergessen anzukämpfen und die Öffentlichkeit wach zu rütteln".

Eine Arbeit, die Fritz Kirchmeier vom Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge zu schätzen weiß. Die Organisation pflegt eine Datenbank mit 4,5 Millionen Opfern, allerdings ohne Fotos. Der Schwerpunkt liege außerdem auf den

Kriegsgräbern im Ausland, denn für das Inland sind die Gemeinden zuständig.

Hubert Joachim und Katharina Hahne haben mit Ahnenforschung begonnen. Dabei stießen sie unweigerlich auf Kriegsopfer. Joachim kommt aus Waldberg, einem Ortsteil der Stadt Bobingen im Landkreis Augsburg. Die Ahnenforschung des 55-Jährigen reicht zurück ins 17. Jahrhundert. Er sagt, er beschäftige sich nicht mehr so viel mit dem Thema, denn: „Jede Antwort wirft zwei neue Fragen auf."

Katharina Hahne wohnt in Wiggensbach bei Kempten. Die 39-Jährige suchte nach der Familie ihrer Großmutter und fand heraus, dass ihre Vorfahren aus Pommern stammen. Der Urgroßvater wurde in

• Volkstrauertag In Deutschland ist der Volkstrauertag ein stiller Gedenktag. Es ist ein Tag des Innehaltens, der Einkehr und des Mitfühlens. Dabei wird der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft gedacht. Der Volkstrauertag findet seit 1950 sonntags zwei Wochen vor dem ersten Advent statt -traditionell mit der zentralen Gedenkstunde im Bundestags-Plenarsaal. In diesem Jahr hält die CSU-Abge

Plötzensee in Berlin hingerichtet -ein Ort, an dem heute eine Gedenkstätte an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Ihre Urgroßmutter konnte Katharina Hahne nicht ausfindig machen. Nächstes Jahr will sie nach Polen reisen und dort nach Spuren suchen.

Vertriebenen ging es besonders schlecht, das wissen beide. Sie kennt die Erzählungen ihrer Großmutter. Er sagt: „Wenn du nur noch eine Tasche hast und da ist dann dein ganzes Leben drin, das stelle ich mir schlimm vor."

Als sich Hubert Joachim und Katharina Hahne über eine ähnliche Webseite kennenlernten, waren sie sich über ihr Ziel schnell einig: eine übersichtliche Internet-Plattform, auf der konkrete Informationen

Der Volkstrauertag und die Kriegsopfer

ordnete Gerda Hasselfeldt die Gedenkrede, Bundespräsident Joachim Gauck spricht das Totengedenken. • Kriegsopfer Im Zweiten Weltkrieg wurden weltweit rund 55 Millionen Menschen getötet. Auf www. kriegsopfer. org und www.kriegstote.org wurden bisher 1000 Denkmäler, etwa 56 000 Einträge von Gefallenen und Vermissten - davon 20 Prozent mit Foto - veröffentlicht, (wesa, dpa)

über Verstorbene anschaulich zusammengetragen sind. Zu glorifizieren liegt ihnen fern, sagt Joachim, und Hahne betont: „Wir wollen nicht bewerten, außer Kriegsverbrecher. Aber Opfer ist Opfer."

Meist beginnt die Arbeit mit einem Denkmal, das Katharina Hahne fotografiert. Manchmal bekommen die beiden auch ein Sterbebild. Im besten Fall steht dabei, woher die Person stammt. Wenn nicht, beginnt hier die Recherchearbeit. Hubert Joachim sucht häufig in der Regimentsgeschichte. Viel Geld hat er in das antiquarische Buch investiert. Seine Recherche bezeichnet er als „kriminalistische Arbeit".

Es gibt auch andere Webseiten, allerdings seien dort laut Joachim meist nur Namenslisten veröffentlicht. Die beiden wollen lieber unabhängig bleiben. Wer sucht, kann sich direkt an sie wenden. Sie wissen, dass sich gerade ältere Menschen kaum mit Datenbanken auskennen. Dabei bieten diese die Möglichkeit, auf verschiedene Weise zu forschen. Joachim betont aber, dass der ungefähre Name bekannt sein sollte. Er weiß: „Ohne das Internet wäre alles viel schwieriger." Allerdings kaufen die beiden keine Sterbebilder. Sie sagt: „Mit Toten verdient man kein Geld."

Als Gegenleistung für die Hilfe freut sich das Duo über Daten von

Verstorbenen, Geld verlangen sie nicht. Bei ihrer Arbeit sind die beiden vor allem auf die Unterstützung von Gemeinden, ehemaligen Pfarrern und Lehrern sowie Veteranenvereinen angewiesen. Gerade von Letzteren würden sie sich eine bessere Zusammenarbeit wünschen. Denn in Zeiten, in denen immer mehr Veteranenvereine davor stehen, sich aufzulösen, warnt Hubert Joachim davor, dass „der Letzte die Daten mit ins Grab nehmen könnte". Seine Idee ist es, die Daten einmal an ein Archiv weiterzugeben.

Das Projekt ist zunächst auf Schwaben begrenzt

Damit die Suche nicht ausufert, konzentrieren sie sich erst einmal auf Schwaben. Mehr geht nicht. Im Schnitt ist Joachim, der in Reinhartshausen, einem weiteren Bobinger Ortsteil, lebt, täglich drei Stunden mit seinem Projekt beschäftigt. Viel Zeit, in der die beiden immer wieder mit schweren Schicksalen konfrontiert werden. Allein der Gedanke daran treibt Katharina Hahne jedes Mal Tränen in die Augen. Vor Joachims Augen laufen die Szenen wie ein Film ab. Etwa die Erinnerung an eine Familie aus Türkheim im Unterallgäu. 1916 starb die Frau, zwei Jahre später wurde der Mann wieder an die Front geschickt. Die acht Kinder blieben allein zurück.